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Das Leben Castruccio Castracanis aus Lucca


Niccolò Machiavelli: "Das Leben Castruccio Castracanis aus Lucca".

Castruccio Castracani starb an einer Erkältung. Daß dieses schmähliche Ende ausgerechnet den Mann ereilen mußte, der, gefragt, wie Cäsar starb, geantwortet haben soll: "Wolle Gott, ich stürbe wie er", ist von einer nicht geringen Ironie des Schicksals. Pointierter hätte man das Walten Fortunas nicht inszenieren können. Und auch der Zeitpunkt war geschickt gewählt: Der Tag, an dem Castruccio sich erkältete, war zugleich der Tag, an dem er den Höhepunkt seiner Macht erklommen hatte. Alle seine früheren Siege und territorialen Neuerwerbungen zählten wenig gegen diesen Erfolg. Sein kometengleicher Aufstieg in der Heimatstadt Lucca "vom Gefangenen gleichsam zum Fürsten"; die Herrschaft über Pisa, Prato und Pistoia; selbst die Senatorenwürde in der Ewigen Stadt: All dies wurde überboten durch die lange und ermüdende Schlacht, in der er die zahlenmäßig weit überlegenen Florentiner und ihre Verbündeten schlug. "So wurde das Schlachtfeld zur Walstatt, zu Castruccios Ehre und großem Ruhm."

Ein Florentiner war es, der im Sommer 1520 dieses wenig rühmliche Kapitel aus der Vorgeschichte seiner Vaterstadt niederschrieb. Es mag Niccolò Machiavelli, der seit 1513 im politischen Exil zur vita contemplativa verurteilt war, eine gewisse sardonische Freude bereitet haben, seinen Florentiner Mitbürgern dieses Menetekel an die Wand zu malen. Denn zum Zeitpunkt der Niederschrift seiner "Vita di Castruccio Castracani" war die Hochzeit des ruhmreichen Republikanismus in Florenz lange vorbei. 1515 war Franz I. nach Italien zurückgekehrt und hatte in der Schlacht von Marignano Mailand zurückerobert. Italien hing "wie ein Punchingball ins Mittelmeer hinein" (John Hale) und war den Schlägen Frankreichs und Spaniens ausgesetzt.

Lorenzo de' Medici, Herzog von Urbino, der Widmungs- und Hoffnungsträger des "Principe", war bereits 1519 gestorben, ohne Italien in die Freiheit geführt und vor den Barbaren gerettet zu haben. Die Prophezeiung Petrarcas, mit der Machiavellis "Fürst" 1516 zukunftsfreudig geendet hatte, hatte sich nicht erfüllt: "Tapferkeit wird gegen die Wut der Feinde zu den Waffen greifen, und der Kampf wird kurz sein, denn der alte Mut ist in den Herzen der Italiker noch nicht erloschen." Der Principe nuovo war nicht erschienen.

Und so entstand in der Abgeschiedenheit der Villa d'Albergaccio bei S. Casciano das Porträt eines weiteren neuen Fürsten, das als ein Exemplum für die Vergeblichkeit menschlicher Mühen gelesen werden konnte. Cesare Borgia, der Held des "Principe", hatte unklug gehandelt, als er nach dem Tod seines Vaters Alexanders VI. die Papstwahl des späteren Julius II. unterstützte und darauf vertraute, "daß die Großen über neuen Wohltaten die alten Beleidigungen vergessen". Castruccio Castracani macht keinen Fehler, er kommt daher wie die perfekte Inkarnation des "Principe", ist stark wie ein Löwe und listig wie ein Fuchs, skrupellos, gewalttätig, realpolitisch absolut konsequent, und dennoch scheitert er.

"Seine Gefahr liegt nie in falscher Genialität, auch nicht im falschen Ausspinnen von Begriffen, sondern in einer starken Phantasie, die er offenbar mit Mühe bändigt. Seine politische Objektivität ist allerdings bisweilen entsetzlich in ihrer Aufrichtigkeit." So hat Burckhardt über Machiavelli geschrieben. "Das Leben des Castruccio Castracani aus Lucca" wird in dieser Hinsicht zu einem Schlüsseltext, der das Verhältnis von persönlicher "virtù" und schicksalhafter "fortuna" neu bestimmt. Zugleich setzt er einen Markstein in der Kunst der politischen Porträtmalerei, die zwischen Dichtung und Wahrheit changiert.

Der Romanist Dirk Hoeges hat die wenig bekannte Vita Castruccio Castracanis erfrischend lesbar neu übersetzt mit einem konzentrierten Nachwort versehen. In seiner Interpretation hebt er besonders die ästhetische Dimension dieser "Herrschernovelle" hervor, die in der Machiavelli-Forschung gerne zugunsten einer stringenten Destillation machiavellistischer Theoreme vernachlässigt wird. Die Widmung des Textes an die Wortführer des bürgerhumanistischen Zirkels in den Orti Oricellari, Zanobi Buondelmonte und Luigi Alamanni, ist Programm: Vergleicht man diese Vita mit den berühmten Lebensbeschreibungen des Vespasiano da Bisticci aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, so liegen Welten zwischen Machiavellis lakonischer Ironie, seinem raffinierten Spiel mit Topoi und Stilisierungen und Bisticcis altbackener Panegyrik, bei der alle Männer von größtem Ansehen und Söhne rechtschaffener Eltern sind.

Castruccio hat überhaupt keine Eltern. Er ist ein traditions- und genealogieloses Findelkind und dadurch prädestiniert, die Strukturen seiner Macht in einer creatio ex nihilo neu zu schaffen. Machiavelli projiziert das Chaos seiner eigenen Gegenwart ins Spätmittelalter Castruccios, das so zu einer Epoche gestörter Ordnung und politischer Instabilität wird, in der es nur Bündnisse auf Zeit und gänzlich kontextabhängige Machtverhältnisse geben kann. Für Castruccio existieren keine alten Freunde, nur potentielle neue Feinde. Jeden Schritt auf der Karriereleiter sichert er durch ordnendes Neustrukturieren, durch eine wohlkalkulierte Ästhetik der Macht ab: Als Generalkapitän des Luccheser Heeres schafft er eine kunstvoll nach Stadtvierteln gegliederte Heeresverfassung in fünf Abschnitten, "ordnete ihnen Hauptleute und Formationen zu und bewaffnete diese". Sein Überfall auf den strategisch wichtigen Ort Serravalle gelingt nur, weil sich "Unvorbereitete von Vorbereiteten und Wohlgeordneten angegriffen" sehen.

Er beginnt seinen Aufstieg als klassischer Homo novus, laut Machiavelli "ein Mann, der nicht nur für seine Zeit eine Ausnahme war". Seine Vita hat keine Parallelen. Sie war ein Drahtseilakt ohne Netz, der nur von einem Virtuosen der "situativen Intelligenz" und der "kommunikativen Souveränität", wie Hoeges betont, geleistet werden konnte. Dieser Condottiere ist kein steifbeiniger Kriegsknecht, sondern ein gentiluomo mit urbanen Umgangsformen, der die "Kunst des Krieges", die arte della guerra, ebenso beherrscht wie die zweckdienliche Imitation antiker Herrschertugenden. Er errichtet selbst die Fundamente seiner Legitimation und setzt die Zeichen seiner Erfolge: Nachdem Castruccio zum römischen Senator ernannt worden war, "legte er eine Toga aus Brokat an, die vorne eine Aufschrift trug, welche lautete: Er ist der, den Gott will; und auf dem Rücken: Er wird der sein, den Gott wollen wird". Nachdem die Macht de facto errungen ist, versichert sich der Aufsteiger nachträglich der göttlichen Unterstützung und beschwört sie zugleich für alle Zukunft.

Dies mag nun in Machiavellis rückblickender Einschätzung die einzige falsche Allianz Castruccios gewesen sein: Nicht der Gunst des Schöpfers, sondern Fortunas hätte er sich versichern müssen. Denn sie führt jetzt das Schwert in der säkularisierten Hand Gottes. Vielleicht kein anderer Schriftsteller im Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert markiert so deutlich wie Machiavelli den Wandel von den festgefügten Ordnungsstrukturen und scholastisch-rückversichernden Distinktionen des Mittelalters zur zukunftsoffenen Neuzeit. Emblematisch verdichtet sich für ihn dieser Übergang in der Gestalt Fortunas: Im "Principe" drehte sich ihr Rad noch relativ gleichmäßig, ihre Zugriffsgewalt war auf etwa die Hälfte aller menschlichen Handlungen beschränkt, und auf jeden Abstieg folgte im Kreislauf absehbar auch der Wiederaufstieg. Doch Fortuna ist nun einmal ein Weib und als solches extrem wandlungsfähig. Sie paßt ihre Ikonographie der fortschreitenden Entdeckung der Erde an. Die Dame Fortuna, mit der Castruccio es zu tun hat, ist die Göttin mit dem Segel auf dem Schiff, das zu neuen Horizonten aufbricht. Zugleich ist sie aber auch der Wind, der weht, wo er will, der einmal die Segel zu munterer Fahrt schwellen läßt, der aber im nächsten Moment auch den Fieberhauch über die Entdecker neuer Welten bringen kann.

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